3 Erkenntnisse aus meinen ersten 60 Tagen als selbstständige Autorin

Ich hatte schon vor meiner Selbstständigkeit eine feste Schreibroutine. Ich habe (fast) jeden Tag vor oder nach der Arbeit (oder während der Mittagspause) geschrieben und an den Wochenenden manchmal richtige Schreibwochenenden eingelegt. Dahingehend fiel es mir nicht so schwer, mich jetzt regelmäßig hinzusetzen und zu tippen … 

Der Druck und das Schreiben

Der große Unterschied ist der Druck. Es ist ein bisschen wie ein dauerhafter NaNoWriMo. Noch bin ich ja in der Förderphase, das heißt, ich bekomme zurzeit den Gründungszuschuss vom Arbeitsamt, um mich in dieser Startphase ganz frei auf meine Selbstständigkeit konzentrieren zu können, und mir eine Basis aufzubauen. Das Ziel ist ganz klar: Nach dieser Zeit an einem Punkt zu sein, an dem ich finanziell ganz auf eigenen Beinen stehen kann. Machen wir uns nichts vor: Um das innerhalb von 15 Monaten als Autorin zu schaffen, braucht man mindestens einen straffen Plan und dazu noch ein bisschen Glück.

Da ich das Glück nicht beeinflussen kann, setze ich also alles auf meinen Plan. Und der lautet: Mindestens alle 3 Monate ein Buch fertigstellen. Da ich meine Projekte sehr detailliert plane, kann ich die ungefähre Wortzahl einer Geschichte inzwischen gut abschätzen und mir anhand des Gesamtwortziels leicht ausrechnen, wie viel ich an jedem Tag schreiben muss, um es zu erreichen. Und damit ist es im Grunde jedes Mal wie ein kleiner NaNoWriMo. Der große Unterschied ist … Wenn du den NaNoWriMo nicht schaffst, dann ist die Konsequenz, dass du dich vielleicht selbst enttäuscht hast. Dann schreibst du dein Buch eben im nächsten Monat fertig. Mehr passiert nicht. Bei mir sind die Konsequenzen jetzt etwas größer. Mein Ziel zu verfehlen, könnte bedeuten, dass meine Selbstständigkeit scheitert.

Nun bin ich jemand, der unter Druck sehr gut funktioniert. Für mich mindert es die Freude am Schreiben nicht und es ändert auch nichts an meiner Leidenschaft. Ich will immer noch für jede Geschichte alles geben, und möchte keine Abstriche wegen einer Deadline machen müssen. Ich mache lieber Überstunden, als etwas Halbgares zu produzieren.

Der Unterschied zum Freizeit-Schreiben früher, lässt sich folgendermaßen ganz gut illustrieren: Wenn ich mich im Feierabend an meinen Text gesetzt habe, dann war mein Ziel „mindestens 1000 Wörter schreiben“. Meistens habe ich das auch geschafft. Aber wenn es nicht gut lief, und sich bei 600 Wörtern alles zäh angefühlt hat, oder ich mittendrin ans Ende des Kapitels gelangt bin, und nicht sofort eine Idee hatte, wie ich die nächste Szene beginnen soll … dann habe ich einfach für diesen Abend schlussgemacht. Ein neues Kapitel an einem neuen Tag zu beginnen, das klingt doch gut – das war immer eine beliebte „Ausrede“ um nicht weiterzuschreiben.
Diesen Impuls habe ich immer noch. An jedem Übergang von Szene zu Szene oder Kapitel zu Kapitel. Nun sage ich mir aber „Nein. Das ist jetzt dein Job. Du schreibst weiter.“ Dann mache ich eine kurze Pause, werfe die Waschmaschine an, und schreibe weiter.

Die Einsamkeit und das Schreiben

Ich bin ein sehr introvertierter Mensch. Ich schöpfe meine Kraft aus ruhigen, zurückgezogenen Momenten. Ich bin gerne mit mir allein. Situationen mit vielen Menschen strengen mich schnell an, und ich tue mich schwer, mit anderen ins Gespräch zu kommen, wenn es keinen wirklichen „Grund“ für ein Gespräch gibt, und es nur darum geht, Smalltalk zu machen.

Natürlich war mir vorher klar, dass das Autorenleben die meiste Zeit über ein einsames ist. Man sitzt eben an seinem Laptop oder Notizbuch und schreibt. Natürlich ist man dabei allein. Und mir hat die Vorstellung gut gefallen. Tut sie immer noch. Trotzdem merke ich, dass es mir manchmal fehlt, zwischendurch mit den Kollegen zu quatschen.

Für mich kam das überraschend. Zumal ich mit den Kollegen natürlich auch nicht nur schöne Zeiten hatte. Wie oft hat man sich über Zickereien geärgert? Trotzdem … irgendwie wäre es manchmal schön, nicht alleine im Zimmer zu sitzen. Ein kleines Autorenbüro mit zwei oder drei anderen wäre was Feines. Wenigstens zweimal die Woche. Einfach nur in einem hübsch eingerichteten Büro mit viel Sonnenlicht sitzen, und dem Tippen und Grübeln der anderen zuhören, während man selbst genau dasselbe tut.

Vielleicht sollte ich in Cafés schreiben, aber da gibt es in meiner unmittelbaren Umgebung leider keine Möglichkeit. Deswegen versuche ich, die fehlende Anwesenheit von Kollegen durch Autorenfreundschaften über die sozialen Netzwerke auszugleichen. So richtig Anschluss gefunden habe ich noch nicht, aber ich arbeite daran.

Das Warten, das Hoffen und das Schreiben

Ich hätte nicht gedacht, dass das Autorenleben aus so viel Warten besteht. Nennt mich naiv, ich habe es verdient.

Inzwischen habe ich 7 Agenturbewerbungen und eine Verlagsbewerbung versendet, und auch schon einige Absagen bekommen. An anderen Stellen warte ich auf den Beginn des Lektorates, oder auf Coverentwürfe, oder auf die Zulassung zur Versicherung bei der Künstlersozialkasse oder auf meinen Steuerbescheid. Ja, das Autorenleben besteht zu einem großen Teil daraus, zu Warten. Man braucht viel Geduld. Zum Glück habe ich die. Ich nutze die Wartezeit zum Weiterschreiben und Weiterplanen. Mein Unterbewusstsein ist dennoch ungeduldig und neugierig. Ich träume inzwischen von Covern, eMails und Telefonaten.

Hoffnung ist auch ein großes Thema. Und Zweifel.
Die meiste Zeit über bin ich sehr positiv und optimistisch. Ich stehe jeden Morgen mit dem Gedanken auf, dass ich den Job machen darf, den ich mir immer gewünscht habe. Ich bin glücklich und stolz auf mich. Ich habe Spaß an dem, was ich tue. Und ich glaube auch daran, dass ich meine Ziele auf lange Sicht erreichen werde.
Trotzdem sind da auch die Tage, an denen ich Angst habe. An denen ich meine Kontoauszüge anschaue und herumrechne und mich frage, wie es wohl in der Zeit nach dem Gründungszuschuss aussehen wird. An denen ich mich frage, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe. An denen ich mich frage, ob ich mich nicht überschätzt habe.

Existenzangst ist normal. Ich müsste wahrscheinlich verrückt oder zumindest sehr abgebrüht oder ignorant sein, wenn mir nie diese Gedanken kämen. Das Leben ist kein Roman mit Happy-End-Garantie.
Aber am Ende jedes Gedankenausfluges steht die Feststellung, dass ich mich richtig entschieden habe. Dass ich nicht bereue, mich für dieses Abenteuer entschieden zu haben. Dass ich an mich glaube. Und dass ich, selbst wenn ich scheitere, weitermachen werde. Für mich gibt es nur diesen Weg – allein für diese Erkenntnis hat es sich schon gelohnt.