Vollzeit Schreiben: Traum oder Albtraum?

Bevor ich mich im Sommer 2018 als Autorin selbstständig gemacht habe, habe ich oft nach Erfahrungsberichten zum Thema Vollzeit Schreiben gesucht, um mich ein bisschen besser darauf vorzubereiten. Gefunden habe ich meist nur englischsprachige Blogs. Einige waren ermunternd, andere eher warnend. Heute möchte ich meinen eigenen daruntermischen, und vielleicht kann der eine oder andere ja etwas für sich daraus gewinnen.

Das Verhältnis zum Schreiben ändert sich

Ich denke, das ist nur natürlich. Ich kann dir nicht sagen, wie das bei dir wäre. Ich habe Leute gesehen, die angefangen haben, das Schreiben zu hassen und Leute, die depressive Schwankungen entwickelten. Ebenso gibt es Personen, die sich durch die Veränderung eher befreit gefühlt haben. Da muss jeder in sich selbst hineinhorchen. Ich halte es für einen guten Test, wenn du dir einmal vorstellst, du hättest jetzt jeden Monat NaNoWriMo (müsstest aber dafür nicht mehr zu deinem jetzigen Brotjob gehen).

Dieser Aspekt trifft jeden anders. Ich kann dir nur meine Perspektive geben: Für mich ist es in Ordnung. Meine Liebe zum Schreiben ist immer noch da und ich glaube, sie ist sogar gewachsen. Ich brenne für meine Geschichten und Figuren und ich freue mich auf all die Projekte, die noch auf mich zukommen.

Schreiben wird anstrengender und leichter

Ja, ich weiß, klingt paradox. Nehmen wir nochmal das NaNoWriMo-Beispiel. Im letzten NaNo habe ich den Fehler gemacht, mich mit anderen Teilnehmern zu vergleichen, und dabei öfter den etwas zerknirschten Gedanken gehabt, dass Leute mit Vollzeit-Brotjob neben der Arbeit viel mehr Wörter geschafft haben als ich. Ich konnte das ja täglich sehen. Gerade der November 2018 war ein Monat, in dem ich oft nur langsam vorankam … ärgerlich, nachdem ich doch zuvor noch Wochen mit einem Tages-Output von 3.000 – 4.000 Wörtern hatte. Und dann habe ich erkannt, woran das liegt. Der NaNo ist im Vergleich zu dem, was ich mache, ein Sprint. Das Vollzeit-Schreiben ist ein Marathon. Ich muss mir meine Kraft einteilen, wenn ich es durchhalten will, jeden Monat meine 50.000 Wörter oder mehr zu schaffen. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber ich war nach meinen NaNos früher immer ziemlich froh, endlich durch zu sein und habe meistens erst mal eine oder zwei Wochen nicht mehr geschrieben. Die Schreib-Akkus sind einfach leer, wenn man das nicht gewöhnt ist. Jeden Tag viel zu schreiben, ist anstrengend.

Es gibt aber auch Bereiche, in denen es leichter wird. Geschichten und Charaktere zu erschaffen bereitet mir immer weniger Probleme, weil ich meinen Arbeitsprozess immer besser kennenlerne, weil ich mich mehr damit befassen kann als früher und weil ich mit jedem einzelnen Projekt etwas über mich und das Schreiben lerne. Das Gehirn gewöhnt sich an bestimmte Strukturen und findet sich schneller in ihnen zurecht. Die Routine ist hier also durchaus etwas Positives. Ich muss nicht mehr über absolute Basics nachdenken und kann mich mehr auf Besonderheiten konzentrieren.

Routine lässt Wunder schrumpfen (und schafft neue)

Es ist schon so, dass die Arbeit das Schreiben auf gewisse Weise ein kleines bisschen entzaubert hat. Vor ein paar Jahren war der Gedanke, einen ganzen Roman zu schreiben noch riesengroß für mich. Ich konnte mir kaum vorstellen, irgendwann auch nur einen Rohentwurf fertigzustellen. Inzwischen passiert genau das ungefähr alle zwei Monate. Es ist jetzt kein wundersames Ereignis mehr für mich, wenn ich Ende unter ein Projekt schreiben kann. (Schön ist es natürlich trotzdem!) Dieses riesengroße Gefühl ist jetzt nicht mehr so stark wie bei den ersten drei Malen. Aber es bringt auch wieder einen neuen Zauber mit: Ich kann jetzt dabei zusehen, wie sich die Ideen, die ich vorher so lange mit mir herum getragen habe, sich auf dem Papier entfalten. Ich muss nicht mehr ganz so sehr der Angst verfallen, dass ich dieses oder jenes Projekt vielleicht niemals werde umsetzen können, weil mir einfach die Zeit fehlt. Ich habe die Zeit jetzt.

Manchmal bin ich außen vor

Vieles, was für andere Schreibende gilt, ist kein Bestandteil meiner Welt mehr. Natürlich kann ich immer noch nachvollziehen, wie es auf der anderen Seite ist. Aber manchmal habe ich das Gefühl, wir leben in verschiedenen Welten. Manche Gespräche werden seltsam. Vor allem, wenn dann Sätze fallen, wie: „Das hat doch nichts mehr mit Kunst zu tun, wenn du so schnell so viele Bücher schreibst.“ oder „Schreiben muss immer Spaß machen, sonst kommt sowieso nichts Gutes dabei heraus.“ Mir macht Schreiben nicht immer Spaß. (Das hat es auch nicht, als ich es noch nebenbei getan habe.) Manche Stellen sind knifflig. Oft genug wollte mich der innere Schweinehund abhalten, weil andere Dinge einfacher gewesen wären, als diese Kampfszene endlich zu schreiben. Die x-te Überarbeitung schlaucht mich, weil ich irgendwann ungeduldig werde und der Text mir auf die Nerven geht. Ich denke, es ist ganz normal, dass nicht alles immer Regenbogen und Zuckerwatte ist.

Und warum spricht man mir ab, dass mein Schreiben bis zu einem gewissen Grad Kunst ist, nur weil ich ein anderes Tempo habe? Aus einer 40-60 stündigen Arbeitswoche ergibt sich doch naturgemäß mehr Text, als aus 1-2 Stunden pro Tag, die man sich an Freizeit dafür freiräumt. Ich denke nicht, dass mein Gegenüber das immer böse meint, aber es macht mich dennoch manchmal traurig.

Das heißt natürlich nicht, dass normaler Autorenaustausch nicht mehr möglich ist. Ist er definitiv. Ich will dir nur zeigen, dass so etwas vorkommen kann, und vielleicht hast du genauso wenig damit gerechnet wie ich. Natürlich hängt das auch immer von deiner Person an sich ab und von den Menschen, mit denen du dich umgibst.

Man braucht viel Disziplin, viel Ehrgeiz, viel Geduld, viel Zuversicht

Ja, ziemlich viel viel, ich weiß. Die gute Nachricht ist, dass man alle diese Dinge auch braucht, wenn man nicht hauptberuflich schreibt. Eine Geschichte zu Ende zu bringen kostet immer Energie und Durchhaltevermögen. Wenn du dich also fragst, ob das Vollzeit-Autorenleben etwas für dich wäre, dann frag dich, ob deine Reserven noch mehr hergeben. Mir fordert es eine Menge Disziplin ab, nicht stundenlang im Netz herumzusurfen, wenn ich eigentlich schreiben sollte. Der Reiz der Ablenkung ist stark. Noch mehr, wenn kein Chef in der Nähe ist, der mir auf die Finger schaut. Der Chef bin ich selbst … und ich bin parteiisch. Als Vollzeit-Autor/in (und wahrscheinlich generell als Selbstständige/r) muss man sich selbst gut beobachten und viel reflektieren. Man muss Strategien finden, um diese allzu menschlichen Schwächen auszugleichen und auszuhebeln.

Geduld und Zuversicht brauchst du, um das Warten auszuhalten. Das Autorenleben besteht zu unglaublich großen Teilen aus Warten. Warten auf Designer, warten auf Testleser, warten auf Lektoren, auf eMails von Verlagen und Agenturen oder einfach nur Schreibkollegen. Manchmal wartet man auch auf eine gute Idee oder auf Post von Behörden. Man wartet im Grunde ständig auf mindestens drei oder vier Dinge. Und währenddessen nimmt man sich das nächste Projekt vor und schreibt weiter, denn man kann nichts davon beschleunigen. Man muss einfach damit klarkommen. Ach ja, die Zuversicht brauchst du, weil niemals alle Antworten positiv sind – oft bekommt man gar keine (und das heißt dann „Nein“) – und weil dich das nicht herunterziehen darf. Jedenfalls nicht länger als ein paar Stunden. Du musst in der Lage sein, das Kinn wieder zu heben und dir zu sagen „Okay, dann weiter im Text“. Es gibt immer einen Plan B.

Es ist schwer, die Balance zu halten

Andere Selbstständige werden mir bestimmt zustimmen, wenn ich sage, dass es eine der größten Herausforderungen ist, weder zu wenig noch zu viel zu arbeiten. Den meisten geht es bestimmt, wie mir am Anfang: Ich habe mich überfordert. An manchen Tagen habe ich mir überhaupt kein Abschalten, keine Freizeit gegönnt. Ich bin zwar abends von meinem Laptop aufgestanden, habe dann aber im Wohnzimmer doch geplottet oder geschäftliche eMails beantwortet oder recherchiert, statt einfach bei einem Film oder einem Buch zu entspannen. Selbstständig bedeutet selbst und ständig und irgendwie denkt man, man könnte alles schaffen, jetzt wo man doch so viel Zeit und sowieso alles in der Hand hat! Aber das funktioniert nicht ewig.

Ich hab mir gesagt „Was machst du denn schon? Du sitzt am Pc, denkst und tippst.“ Aber denken und tippen ist auf seine eigene Art anstrengend und auslaugend. Und es ist ja auch nicht nur das Schreiben. Es ist Korrespondenz, es ist Papierkram, es ist Koordination, es ist Planung, Recherche und jede Menge Geduld.

Wenn du Vollzeit schreibst, musst du es irgendwie schaffen, dir auch die Freizeit zu gönnen. Abzuschalten vom Schreiben, ohne dir heimlich deswegen Faulheit zu unterstellen. Ich musste das erst lernen und es fällt mir manchmal immer noch schwer. Es hilft mir aber, mir jeden Tag meine Leistungen aufzuschreiben. So habe ich es Schwarz auf Weiß und kann den inneren Antreiber etwas beruhigen.

Wenn man überleben will, kann man sich manche Eitelkeiten nicht leisten

Die Idee, jetzt alles schreiben zu können, was ich will, ist schön. Das Problem daran ist: Wenn ich jetzt auf einmal einen Science-Fiction-BDSM-Roman für die Zielgruppe 60+ schreiben will, dann … wird mein Kühlschrank vermutlich leer bleiben. Karten auf den Tisch – wer vom Schreiben leben will, muss sich auf dem Markt umsehen und zumindest wissen, wofür es Käufer gibt (oder einen guten Riecher dafür haben, wofür es Käufer geben könnte). Selbstverwirklichung ist eine tolle Sache und hohe literarische Kunst ebenfalls. Aber wenn es ums Geld geht, dann sollte man darüber nachdenken, wie sich der eigene Anspruch und das finanzielle Überleben vereinbaren lassen. Niemand sollte sich dazu zwingen, etwas zu schreiben, zu dem er keinen Draht hat. Im Idealfall brennt man für sein Genre und lässt es den Leser auch irgendwie spüren. Ich sage nur, dass manche Stoffe und Genres schwierig sind, und dass man dann im eigenen Interesse auswählen muss. Manches ist Verlagen und Agenturen zu riskant. Als Selfpublisher ist man zwar frei, in dem, was man tut, aber man trägt dasselbe Risiko. Du kannst die irrsten Crossover schreiben und veröffentlichen, aber wenn es keine oder nur sehr wenige Käufer dafür gibt, dann wirst du davon nicht leben können.

Den perfekten Zeitpunkt gibt es (meistens) nicht

Der beste Start ins Vollzeit-Autorendasein ergibt sich wohl aus einer passenden Lücke im Privatleben und einem passenden finanziellen Polster für die Startphase. Aber seien wir ehrlich: Den perfekten Moment zu finden, ist schwierig und für manche nahezu unmöglich. Je mehr Verantwortung man trägt, umso mehr muss man planen. Ich denke, wenn man es wirklich und aus tiefster Seele will, dann findet man einen Weg. Vielleicht muss man ihn sich erst schaffen, indem man Dinge plant und in die Wege leitet, Unterstützung sucht, und an sich arbeitet.

Der sicherste Weg ist es, nebenbei zu schreiben solange man irgendwie kann. Das macht den Sprung leichter. Verlagsverträge, ein Agenturvertrag, ein etablierter Platz im Selfpublishing, das kann man sich auch mit Brotjob erarbeiten und dann möglichst elegant hinüberwechseln … es gibt viele Wege. Ich habe diesen gewählt und für mich ist es der richtige; zugleich glaube ich, dass er für viele nicht funktionieren würde.Aber das sollte niemanden entmutigen denn in Wirklichkeit ist es doch so: Man muss nicht Vollzeitautor sein. Es reicht, mit vollem Herzen Autor zu sein.